Emotionale Gewalt

“Can you remember who you were, before the world told you who you should be? k.w.

Seit dem 04.04.2018 bin ich zertifizierte Fachkraft für Traumapädagogik.

Mein Abschlussthema: Psychische Gewalt und ihre Auswirkungen

Gewalt in jeglicher Form ob körperlich, sexuell, psychisch oder emotional ist grausam und hinterlässt Spuren bei Kindern wie bei Erwachsenen. Die langfristigen Folgen von belastenden Ereignissen aus der Kindheit sind enorm!

Meiner Meinung nach wird hier der Grundstein für psychische Erkrankungen gelegt, wie z.B. Borderline-Symptomatik, Angststörungen, Panikattacken und Depression. Ebenso ist psychische Gewalt aus meiner Sicht auch ursächlich für ein mangelndes Selbstwertgefühl.

Wo fängt psychische Gewalt an? Wie entsteht und was bewirkt sie? Was ist psychische Gewalt überhaupt und woran erkannt man sie?

Seltsamerweise gibt es eine Form der psychischen Gewalt die weitverbreitet ist und auf die wir viel Wert legen, insbesondere in der deutschsprachigen Kultur, nämlich Erziehung. Genauer eine bestimmte Art und Weise der Erziehung: Erziehung durch Gewalt und Einschüchterung, die autoritäre „Schwarze Pädagogik“ prägt die Erziehungsideale der Nazizeit. Der Ratgeber „Die deutsche Mutter und ihr erstes Kind“ von Dr. Johanna Haarer, bringt sie im Jahr 1934 unter das deutsche Volk. Eine Nachkriegsfassung wird bis in die 80er Jahre hinein auch von Fachleuten gelesen. Der Erziehungsstil ist darauf angelegt, den Willen des Kindes zu brechen, nicht nur durch körperliche, sondern auch durch psychische Gewalt.

Psychische Gewalt, zu der emotionale Vernachlässigung gehört, ist grausam. Sie kann unter Umständen mehr verletzen und traumatisieren, als körperliche. Psychische Gewalt verursacht zwar keine blauen Flecken oder offene Wunden – ist aber gerade deshalb weit verbreitet. Sie verletzt im Verborgenen. Gerade das macht sie so gefährlich – und kaum nachweisbar. Entsprechend schwer ist es, sie juristisch zu ahnden. Dennoch gehört sie zum Alltag in Deutschland – und findet überall statt: in Familien, in Kindergarten und Schule, im Pflegeheim, am Arbeitsplatz, im Netz und in Beziehungen, als strukturelle Gewalt in der Gesellschaft. Strukturelle Gewalt verhindert die freie Entfaltung menschlicher Bedürfnisse.

Oft nimmt psychische Gewalt ihren Anfang in der Familie, im Beziehungsgeflecht zwischen Eltern und Kindern. „Emotionaler Missbrauch ist möglicherweise, die am weitesten verbreitete und zugleich vielleicht die zerstörerischste Form der Misshandlung“ heißt es im jüngst erschienen Buch „Bindung und emotionale Gewalt“ des Kinderpsychiaters Karl Heinz Brisch.

2013 ergab eine Gesundheitsstudie im Auftrag des Robert-Koch-Instituts, dass psychische Gewalt in Deutschland viermal so häufig vorkommt wie körperliche Gewalt. In der Befragung von knapp 6000 Frauen und Männern gab jeder Fünfte an, in den letzten zwölf Monaten gemobbt, bedroht oder schikaniert worden zu sein. Opfer körperlicher Gewalt wurde “nur” jeder 20.

Psychische Gewalt verletzt die Integrität des Kindes durch wiederkehrenden Kränkungen, unbegründete Schuldzuweisungen, Drohungen, sinnlosen Verboten, Beschämung, Ausgrenzungen, Desinteresse, Demütigungen und emotionaler Kälte. Im Gegensatz zu körperlicher Gewalt hinterlässt emotionaler Missbrauch keine sichtbaren Spruen. Die Hinweise finden sich aber im Verhalten der Kinder. Jesper Juul sagt hierzu: “Je mehr wir die Integrität von Menschen verletzen, desto gehorsamer werden sie: Es dauert 20-30 Jahre, bis sich jemand, der in seiner Kindheit geduckt, misshandelt oder missbraucht worden ist, verändert.”

Fatal sind die Spätwirkungen von Kindheitserfahrungen psychischer Gewalt. Denn die frühen Misshandlungen haben maßgeblichen Einfluss auf die Gehirnentwicklung und damit auf den späteren Charakter des Menschen. Stress und Gefühlsverarbeitung und Kontrolle werden negativ beeinflusst. Psychiater sprechen von Narben im Gehirn. Nach den kindlichen Gewalterfahrungen folgt ein Leben in Alarmbereitschaft. Emotionaler Missbrauch erzeugt eine frühe Bindungsunsicherheit, dass Vertrauen in die eigenen Gefühle geht verloren. Ein beschädigtes Selbst führt dann zu fehlerhaften Bewältigungsstrategien.

Wenn ein Kind nicht bindungssicher ist kann es sich motorisch, sprachlich und kognitiv nicht gut entwickeln. Diese sichere Basis braucht der Mensch um überhaupt in die Welt hinauszugehen.

Fast 1/3 der Bundesbürger hat laut aktueller Umfragen in der Kindheit Gewalt erlebt. Seit Jahren halten sich diese Zahlen konstant. Neu ist, dass seit 2010 die Zahl der Opfer von emotionalem Missbrauch gestiegen ist. Selbst in aufgeklärten Zeiten wirkt die schwarze Pädagogik weiter. Wie kann das sein?  Quelle: 3sat / Scobel

Erst seit 2000 gibt es das Recht des Kindes auf gewaltfreie Erziehung. Viele haben dafür gekämpft wie z.B. der Kinderschutzbund und die ehemaligen Bundesfamilienministerin Christine Bergmann. Sie haben es tatsächlich geschafft Politiker und Politikerinnen sowie Verantwortliche in der Zivilgesellschaft davon zu überzeugen, dass ein Kind das Recht hat, gewaltfrei aufzuwachsen.

Gewalt in der Erziehung ist in Deutschland erst seit 17 Jahren verboten. Bis dahin war es ein langer Weg.

1896 Die ursprüngliche Fassung des §1631 Abs. 2 BGB tritt in Kraft: Das Züchtigungsrecht liegt beim Vater als Familienoberhaupt. Er darf „angemessene Zuchtmittel“ anwenden.

1949 In der DDR werden Körperstrafen an Schulen verboten. In der BRD sind sie bis 1973 erlaubt.

1957 Das Züchtigungsrecht von Vätern wird gestrichen. Aber ein „elterliches Züchtigungsrecht“ gilt weiterhin als Gewohnheitsrecht.

1980 Der §1631 Abs. 2 BGB erhält einen Zusatz:
„Entwürdigende Erziehungsmaßnahmen sind unzulässig.“ Die Auslegung davon bleibt den Eltern überlassen.

1992 Deutschland unterzeichnet die UN-Kinderkonvention. Und verpflichtet sich Gewalt gegen Kinder zu unterbinden. Die Gesetze werden jedoch erst acht Jahre später angepasst.

2000 Der §1631 Abs. 2 BGB wird verschärft.
Gewalt zu Erziehungszwecken durch Eltern ist nun verboten.

Es gibt mittlerweile viele Eltern, die bereit sind mit ihren Kindern neue Wege zu gehen und sich an den Bedürfnissen ihrer Kinder zu orientieren, die bereit sind gewaltfrei zu erziehen. Daher finde ich es immens wichtig noch einmal genau hinzuschauen, welcher Teil der Gesellschaft, blendet dies (noch) komplett aus? Welcher Teil dieser Gesellschaft ringt immer noch mit diesen vergleichsweise „neuen“ Werten in der Erziehung: Nämlich Gewaltfreiheit, Bedürfnisorientierung und Gleichwürdigkeit? Was benötigen Eltern, damit sie die richtige Unterstützung bekommen?

Meiner Meinung nach braucht es eine neue Ära der Verantwortung. Denn die persönliche Verantwortung ist der Feind aller autoritärer Systeme. Daher empfinde ich es als immens wichtig und hilfreich, sich einmal zu fragen, welche Haltung und welches Denken wir mit unserer Erziehung und unseren Beziehungen in unserer Familie eigentlich fördern möchten. Wollen wir Untertanen heranziehen oder wünschen wir uns, dass unsere Kinder zu Menschen heranwachsen, die ein hohes Maß an Selbstständigkeit, Kompetenz und ein starkes Selbstwertgefühl mitbringen? Jede Familie ist ihr eigener kleiner Kosmos mit eigenen „Gesetzen“ und „Spielregeln“, Für die „richtige“ Unterstützung braucht eine Familie einen Berater, dem es gelingt, diese „Spielregeln“ zu entschlüsseln und transparent zu machen, denn nur so können sie verstanden und verändert werden. Dabei weisen Kinder in ihrem Verhalten auf die Ungleichgeweichte in der Familie hin.

„Keiner weiß besser, was gut für ihn ist, als der Betroffene selbst. Wir können einander also nicht beibringen, was für uns gut ist. Nicht mit noch so ausgeklüngelten Techniken. Aber wir können einander dabei unterstützen, es selbst herauszufinden.“ Carl R. Rogers

Wir brauchen dringend einen Paradigmenwechsel. Die Spuren der Schwarzen Pädagogik reichen zurück bis in die Nazizeit und wirken erschreckenderweise bis heute nach. Der Ratgeber „Die deutsche Mutter und ihr erstes Kind“ von Dr. Johanna Haarer wurde bis in die 80er Jahre verkauft!!! Das zeigt, wie stark diese Theorien leider auch heute noch in unserer Gesellschaft verankert sind.

Aber… zum Glück gab und gibt es immer wieder Menschen die sich geweigert haben bzw. weigern Kinder für ein Leben in dieser Welt zu funktionalisieren. Sie wollten bzw. wollen keine Kinder erziehen, die sich den jeweils herrschen Verhältnissen anpassten bzw. anpassen. Ihnen ging und geht es um die Entfaltung der in jedem Kind angelegten Potenziale. Danke an all diese Menschen, die meine Haltung und meine Arbeit geprägt haben und mich immer noch inspirieren. Im Folgenden möchte ich gerne einige davon erwähnen:

Frederick Mathias Alexander, Emmi Pikler, Magda Gerber, Ute Strub, Maria Montessori, Ellen Krey, Humberto Maturana, Jesper Juul, Maria Aarts, Andre und Arno Stern, Bertrand Stern, Gerald Hüther, Rebeca und Maurico Wild, Alice Miller, Martin Buber und David Bohm, Janet Adler…

….uuuund Astrid Lindgren für ihre wundervollen Geschichten und ihre eindrucksvolle Rede: Niemals Gewalt!

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